Bürgerticket: Wiederitzsch/Seehausen wird Modellregion für kostenlosen Nahverkehr

Hinweis
Die meisten haben es ja bestimmt gemerkt. April, April. 😉

Es ist eine Sensation und deutschlandweit einmalig: Leipzig-Wiederitzsch/Seehausen gehört neben Leipzig-Stötteritz und Taucha zur „Modellregion Bürgerticket Leipzig“.

Ab Mai gibt es für Einwohner der Stadtteile bzw. der Stadt Taucha einen kostenlosen Nahverkehr im gesamten MDV-Gebiet. Finanziert wird das Ganze über eine pauschale monatliche Gebühr pro Person – egal ob diese den öffentlichen Nahverkehr (ÖPNV) nutzt oder nicht.

Genutzt wird das Wuppertal-Modell, welches von der dortigen Bürgerinitiative  entwickelt wurde.

Haltestelle Linie 87 Wiederitzsch

Dies ist das Ergebnis der Diskussionen um den ÖPNV der Stadt Leipzig im Jahr 2018. Der Start für diese (stadtinterne) Diskussion begann mit der EU-Kommissar Karmenu Vella, welche auf EU-Ebene das Thema angestoßen hat und „zusammen mit den Ländern und der lokalen Ebenen“ PNV kostenfrei machen will. Dies war ein Angebot an Deutschland um Fahrverboten entgegenzuwirken. Auch in Leipzig wurde diese Idee kontrovers diskutiert.

Warum Wiederitzsch, Stötteritz und Taucha?

Bevor ein Bürgerticket vollständig in den Doppelhaushalt der Stadt Leipzig eingehen kann, braucht es einen ausreichend großes Gebiet für einen Langzeittest. Hier boten sich die 2 Stadtteile und die Stadt Taucha an.

Demnach sollen alle Einwohner der Stadt Taucha sowie der Leipziger Stadtteile Wiederitzsch und Stötteritz monatlich fünf Euro für das Bürgerticket zahlen, unabhängig von einer Nutzung des ÖPNV.

Start ist zum 1. Mai, die Laufzeit des Tests beträgt elf Monate.

Für einen Vierpersonen-Haushalt bestehend aus Mutter, Vater und zwei Kindern bedeutet das also 20 Euro monatlich oder 220 Euro insgesamt. Das ist bedeutend weniger, als eine Monatskarte pro Person im gleichen Zeitraum kosten würde.

Ausgewählt wurde vom Mitteldeutschen Verkehrsverbund (MDV) für den Test Stötteritz als klassisches Arbeiterviertel, Wiederitzsch als Einfamilienhausviertel mit mehrheitlich zwei Personen, die zur Arbeit pendeln müssen und das wachsende Taucha als Teil Nordsachsens aber mit räumlicher Nähe zu Leipzig. Auch hier leben viele Menschen, die zur Arbeit nach Leipzig pendeln müssen.

Licht und Schatten der Idee

Alle drei Gebiete bilden die Modellregion Bürgerticket Leipzig. Auf Seiten der Politik ist die Freude groß: „Die Zeit des Wartens ist vorbei, jetzt wird gehandelt“, beschreibt es Tauchas Bürgermeister Tobias Meier. Er sei froh, dass Taucha als wachsende Stadt am nördlichen Rand Tauchas in diesen Test einbezogen wurde. „Natürlich wissen wir, dass wir hiermit für manche Haushalte, die den ÖPNV bislang noch nicht nutzen oder nicht täglich benötigen, eine Zusatzausgabe erzeugen. Letztlich fließen die Einnahmen aber direkt in den Ausbau des Nahverkehrs, um den Individualverkehr in Taucha einzudämmen. Das reduziert den Stau und verbessert die Luft“, so Meier auf Taucha kompakt.

Aus den Stadtteilen kommen eher verhaltene Stimmen. „Anstatt Radwege weiter konsequent auszubauen und insbesondere Familien mehr Bewegungsfreiheit und somit Lebensqualität zu ermöglichen, setzt die Stadtverwaltung auf überfüllte Straßenbahnen und verstopfte Fußwege an den Haltestellen“, heißt es von den ehrenamtlich Engagierten im Stadtteil. Zudem meint man: „Für 60 Euro pro Person im Jahr kann man jedem Stötteritzer ein Fahrrad schenken. Das schafft wesentlich mehr Mobilität, hilft der Umwelt und täte so manchem Übergewichtigen im Viertel gut.“ So der Bürgerverein Stötteritz, wie auf Facebook nachlesbar.

Auch in Wiederitzsch sind die Meinung eher zurückhalten. Eine Nachfrage bei der IG Wiederitzsch, die sich in den letzten Jahren stark für den ÖPNV und vor allem für die Buslinie 87 stark gemacht hat, kommt der berechtigte Einwurf, dass selbst ein kostenloser ÖPNV bei einem Stundentakt niemanden etwas nütze. Hier bleibt die Forderung stehen, dass die Streckenführung der 87 neu gestaltet und die Taktzeit verkürzt werden muss. Der Ortschaftsrat wusste zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch nichts von der Modellregion.

Geld wird automatisch eingezogen

Der fällige Betrag pro Kind werde bei Haushalten mit Kindern automatisch von der Überweisung des Kindergeldes abgezogen. Hierfür wurde mit der Familienkasse der Bundesagentur für Arbeit eine entsprechende Vereinbarung getroffen, war zu erfahren.

Die übrigen Gebühren zieht die entsprechende Kommune von selbst ein. Hierzu seien Daten der Einwohnermeldeämter, Sparkassen und Banken, des Finanzamtes und des Zollamtes miteinander synchronisiert worden.

Dies stelle für die Haushalte eine erhebliche Erleichterung dar, hieß es. Außerdem sei dies nötig, um den Test zum Erfolg zu führen. Letztlich brauche man sich so um nichts kümmern, das Konto werde automatisch belastet und jeder Einwohner der Modellregion könne den ÖPNV so oft nutzen, wie er möchte. Zur Nutzung ist pro Nutzer ein Bürgerticket im klassischen Kreditkartenformat nötig. Dieses wird im Laufe des Aprils jedem Haushalt zugeschickt. Ein Vierpersonen-Haushalt erhält also vier Tickets.

Was passiert mit den Mehreinnahmen?

Wie heute morgen kurzfristig in Erfahrung zu bringen war, wird ein Teil des Geldes in ein weiteres Pilotprojekt in Leipzig fließen. Aktuell werden Straßenbahnen umgerüstet um als Polizeistraßenbahnen ihren Dienst zu versehen.

Die Evaluierung, also Auswertung des Tests erfolgt nach den elf Monaten, spätestens also zum 1. April 2020.

Über Thomas Wagner 454 Artikel
Thomas Wagner ist der Gründer des Stadtteilmagazin "Wiederitzsch im Blick" und Ansprechpartner für alle Belange rund um dieses Magazin.

1 Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*